Donnerstag, 12. Juni 2008

Zeitlos schön: “Casa Lisboa” lüftet die Geheimnisse eines alten Palastes

Autor: Gilberto | 08. Juni 2008

Über Jahre hinweg hasteten Fußgänger an den verschlossenen Toren des vor sich hinschlummernden Stadtpalastes Ribeiro da Cunha in Lissabon vorbei - ohne zu ahnen, welch orientalischer Prunk sich hinter den Fassaden verbirgt. Und nun das: Plötzlich standen die Tore offen, eine mit Teelichtern dekorierte Treppe lockte ins Innere des Hauses. “Casa Lisboa” nennt sich das Designprojekt, das einmal im Jahr alten Häusern neues Leben einhaucht - und nun dem Palacete Ribeiro da Cunha zumindest für drei Wochen seine alte Würde zurückgab.

Draußen herrscht noch der Lärm der Rua da Escola Politeécnica, eine der vielbefahrenen Verkehrsarterien im Stadtteil Bairro Alto. Aber das ist Draußen. Hier drinnen ruht ein Palast. Nur noch gedämpft dringt das Brummen der Autos und Busse von der Straße hinein. Hinter den dicken Mauern des im neo-orientalischen Stil gehaltenen “Palacete Ribeiro da Cunha”, herrschen andere Regeln.

Noch zögerlich sind die ersten Schritte, die der neugierige Besucher in diesen Palast setzt. Denn es scheint, als ob jede Treppestufe ins Hochparterre des Hauses in eine fremde Welt hineinführt. Eine Welt mit eigener Zeit - und eigenen Abläufen. Obwohl das 1877 für den Tabakhändler José Ribeiro da Cunha errichtete Haus, opulent verziert mit orientalischen Ornamenten, seit Jahren leersteht, scheint der Palast Besucher zu erwarten. Im Speisesaal sind die Tische bereits gedeckt - Kerzen flackern, gedämpfte Musik spielt im Hintergrund. Ist es eine Geistermahlzeit, die hier angeboten wird?


Im Palacete Ribeiro da Cunha ist bereits gedeckt - (c) Gilberto

Noch geheimnisvoller wird es dann im Badezimmer. Auch hier ist Leben eingezogen - aber anders, als man es sich vorstellt. Die Badewanne ist gefüllt mit Erde. Aus dem Waschbecken dringen Zweige hervor. Scharfkantige schwarze Wände teilen das Zimmer auf, ein großer Spiegel wirft die Eindrücke zurück.

“Die Natur hat die Herrschaft über dieses Haus zurückerobert” - das sagt Francisco Plácido, einer von drei Architekten, die sich diese Kunstinstallation ausgedacht haben. Durch den jahrelangen Leerstand hätten die Räume des Stadtpalastes Ribeiro da Cunha eine zeitlose Bedeutung erhalten, herausgerissen aus dem Hier und Jetzt. Mit ihrem Werk wollten die drei Teammitglieder der “Equipa Casa Lisboa” (Franciso Plácido, Janine Ribeiro und Joana Marcelino) dem Haus eine zeitlose Bedeutung zurückgeben. Ein Raum, der mit seinen vielen Schwarztönen noch Platz für Interpretationen lässt.


Zweige im Waschbecken? Die Natur ist zurück im Palacete Ribeiro da Cunha - (c) Gilberto

Möglich wurde diese Kunstinstallation im Rahmen des Projekts “Casa Lisboa”, die dieses Jahr vom 20. Mai bis 01. Juni im Palacete Ribeiro da Cunha stattfand. “Casa Lisboa” ist eine Designausstellung, die - mittlerweile zum achten Mal - jedes Jahr sich von einem anderen Gebäude in Lissabon inspirieren lässt und dort Räume in eine Bühne für die Wohndesigner verwandelt. Primär ist “Casa Lisboa” vor allem eine Ideenschau für Konzepthotels. Die Ausstellungen stehen aber auch allen Besuchern offen, und verfolgen generell das Ziel, mit dem “Genius Loci” der alten Gebäude in Dialog zu treten.

Und während die Künstler auf ungewöhnlichem Wege die “Zeitlosigkeit” eines Hauses zu erforschen versuchten, so setzten die Designer alles daran, mit zeitlos schönem Design in das Palacete Ribeiro da Cunha einzuziehen. Jedes der beteiligten Designer-Team bekam einen Raum zugewiesen - und versuchte, die Atmosphäre richtig einzufangen. Ein Raum war komplett in Schwarz- und Weißtönen gehalten - ein Kontrast zum satten Grün, wie es aus dem Garten des Palacete hineinleuchtete. In anderen Räumen luden Möbel zum Verweilen ein, appetitlich gedeckte Tische, ganze Kücheneinrichtungen der Sponsorfirmen wurden aufgebaut.

Palast wird zum Hotel umgebaut

In so einem geschmackvoll eingerichteten Hotel ließe es sich schon gut aushalten - und vermutlich wird dies auch die weitere Bestimmung des Palacete Ribeiro da Cunha sein. Nach jahrelangem Rätselraten über das weitere Schicksal des Hauses konkretisiert sich die weitere Nutzung der zentral gelegenen Villa mit ihrem weitläufigen, 3.000 Quadratmeter großen Garten als Luxushotel.


Vom Leerstand zum Hotel: Der Palacete Ribeiro da Cunha in Lissabon- (c) Gilberto

Damit war die “Casa Lisboa” vermutlich auch die letzte Gelegenheit für eine breitere Öffentlichkeit, sich im Palast Ribeiro da Cunha umsehen zu können (eine Gelegenheit, die allerdings in viel zu geringer Zahl genutzt wurde!). Nächstes Jahr zieht “Casa Lisboa” weiter: An geeigneten Orten dürfte kein Mangel herrschen. Denn noch immer stehen Tausende historische Bauten in Lissabon leer, warten auf eine neue Aufgabe - darunter auch zahlreiche architektonische Schätze von Rang (siehe auch den Artikel über das Casa Daupias). Man darf gespannt sein, wohin es die Initiatoren dann ziehen wird.

Informationen zu Casa Lisboa unter www.casalisboa.net. Die nächste Casa Lisboa-Ausstellung wird im Frühjahr 2009 stattfinden. Bereits zum vierten Mal wird im kommenden November auch eine Schwesterveranstaltung in Porto folgen.

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