Mittwoch, 18. Juni 2008

Bei seinen Flüssen hängt Portugal am Tropf Spaniens

Autor: Gilberto| 14. Juni 2008

Zehn Jahre nach der Expo98 in Lissabon bildet die iberische Halbinsel wieder den Schauplatz für eine Weltausstellung. Standen 1998 in Lissabon noch die Ozeane im Mittelpunkt, so weitet sich der Blick bei der EXPO 2008 im spanischen Saragossa nun auf das Thema Wasser im Allgemeinen. Ein Thema, das auch für Portugal von Brisanz ist: Denn die großen Flüsse des Landes entspringen allesamt in Spanien - und machen Portugal damit abhängig von der Wasserpolitik seines großen Nachbarn.

In Saragossa hängt nun alles wieder vom Wasser ab. Meist führt der durch die Stadt fließende Ebro viel zu wenig Wasser mit sich - in jüngster Zeit jedoch war es nach den anhaltenden Frühlings-Regenfällen so viel, so dass Teile des ausgerechnet in die sensiblen Ebro-Auen hineingebauten EXPO-Geländes bereits zur Eröffnung überflutet waren. So zeigt die mit edlen Motiven angetretene EXPO bereits in der Wahl ihres Geländes die Ambivalenz, mit der das Thema auf der iberischen Halbinsel angepackt wird.

Kaum ein anderes europäischen Land wie das dürregeplagte Spanien muss sich so viele Sorgen um die künftige Wasserversorgung machen. Schon in den vergangenen Jahren sorgten immer wieder Hitzeperioden für extreme Wasserknappheiten, die zusätzlich noch von den durstigen Boombranchen Landwirtschaft und Tourismus verschärft wurde. Erst vor ein paar Wochen musste ein Tankschiff vor Barcelona andocken, um die auf dem Trockenen sitzende Großstadt mit Trinkwasser zu versorgen.

Maßnahmen für einen sorgsameren Umgang mit Wasser tun also Not - zumal der Klimawandel der iberischen Halbinsel noch längere und intensivere Dürreperioden einbringen dürfte. So gibt sich die EXPO als “Wasserschau im Dürreland” (FAZ) dann auch ganz öko-effizient. In verschiedenen Themenbereichen stellen die teilnehmenden Länder ihre Konzepte zum Wassersparen dar. Erstmals bei einer Weltausstellung haben auch die Nicht-Regierungs-Organisationen ihren eigenen Pavillon auf einer Weltausstellung.

Portugiesischer Pavillion: Flüsse im Mittelpunkt

Das rege Interesse der Spanier am sorgsamen Umgang mit Wasser möchte auch Portugal für sich nutzen. Die Ausstellung im portugiesischen Pavillion auf der EXPO 2008 widmet sich vorrangig den drei großen Flüssen Tejo, Douro und Guadiana: Drei Ströme, die mit Abstand das wichtigste Süßwasserreservoir für Portugal bilden. Drei Ströme aber auch, die den größten Teil ihres Flusslaufes als Duero, Tajo und wiederum Guadiana auf spanischem Territorium verbringen. So entsteht eine Abhängigkeit, mit der sich jeder Eingriff Spaniens am Flusssystem auch negativ auf Portugals Wasserversorgung auswirken.


In der portugiesischen Politik ist die Abhängigkeit vom spanischen Wasser seit jeher ein delikates Thema. Traditionell sucht Portugal einvernehmliche Lösungen mit Spanien über die gemeinsame Nutzung der Flüsse. Die Lobesworte über eine gelungene Partnerschaft gehören fest zum portugiesischen Tagesgeschäft dazu.

Und so einladend und werbend um die spanische Seite zeigt sich auch Portugals Pavillion auf der diesjährigen Weltausstellung: Als einziger der Länderpavillions verfügt er über eine transparente Glasfassade, die Blicke nach innen und außen zulässt. Durch die großzügige Ausstellungsfläche zieht sich als symbolisch verbindendes Band ein “roter Fluss”, der zu den verschiedenen Informationstafeln führt. Naturschutz, Tourismus, wirtschaftliche Nutzung: Nichts lässt der portugiesische Beitrag aus, um dem internationalen und spanischen Publikum die Wichtigkeit der grenzüberschreitenden Flüsse darzustellen, sie auf das “gemeinsame Amphitheater” einzustimmen, wie kürzlich Rolando Borges Martins - Kurator des portugiesischen Beitrags in Saragossa - dem Nachrichtenmagazin Visão anvertraute.

Immer wieder Streit ums Wasser

Eine Bedeutung, die vom spanischen Nachbarn immer mal wieder ignoriert wird. So erfuhr Anfang der 90er Jahre die portugiesische Regierung aus der Presse, dass Spanien im Rahmen seines groß angelegten nationalen Flussbauplans eine Umleitung von Dourowasser in den Tejo plante. Diese Maßnahme hätte dem Douro mehr als ein Zehntel seines Wassers beraubt - mit spürbaren Auswirkungen für die portugiesische Landwirtschaft, Energiegewinnung und Umwelt. Nicht die Proteste aus Lissabon, sondern ein Zank unter den spanischen Regionen selbst brachte den Wasserplan in dieser Form letztendlich zu Fall - doch die Idee der Douroumleitung blieb zumindest auf dem Papier noch erhalten.


Wasser aus Spanien: Der Tejo bei Vila Vela de Rodao. Foto: ceiling auf Flickr

Vor drei Jahren, im Dürresommer von 2005, kam es wieder zum Wasserstreit. Entgegen der vertraglichen Absprachen mit Portugal gönnte sich das trockene Spanien einen überaus großen Schluck aus dem Duero - vor allem zu Lasten der portugiesischen Landwirte, die daraufhin von der Regierung in Lissabon Kompensationszahlungen für ihre Produktionsausfälle erhielten. Später räumte auch die spanische Regierung ein, den Vertrag gebrochen zu haben und überwies eine Entschädigungszahlung an Portugal (ein ausführlicher Beitrag zum Thema im Online-Magazin Telepolis).

Nach diesen Irritationen sei das Verhältnis aber nun wieder bestens, gab Orlando Borges, Präsident der portugiesischen Wasserbehörde, wenige Tage vor Eröffnung der EXPO 2008 zu Protokoll. Die Verträge mit Spanien seien nachgebessert worden, klare Regeln zur Entnahme von Wassermengen definiert worden - und beide Partner hätten ein großes Vertrauen zueinander. Doch hält dieses immer wieder gebrochene Vertrauen auch in Krisenzeiten?

Der Klimawandel wird das Vertragswerk zur gemeinsamen Flussnutzung - dessen Wurzeln bereits auf ein Grenzabkommen von 1864 zurückgehen - auf immer neue Proben stellen. Und bislang regeln die gemeinsamen Abkommen vor allem Fragen zur Wassermenge: Doch auch Umweltaspekte wie die Wasserqualität gewinnen an Bedeutung. Was, wenn das Flusswasser aus Spanien immer stärker mit Schadstoffen belastet in Portugal ankommt?

Sorgloser Umgang mit Wasser auch in Portugal

Nicht alle Probleme freilich gehen auf das Konto der Spanier. Auch Portugal muss im nachhaltigen Umgang mit seinen Flüssen einige Hausaufgaben erledigen. Die Landwirtschaft entlässt noch immer zu viele Schadstoffe in die Flüsse, und die überaus große Anzahl von Staustufen bringt die teils fragilen Ökosysteme erheblich durcheinander. Selbst der letzte unberührte Fluss Portugals, der Rio Sabor, soll nun mit einer Staustufe versehen werden - was das Aus für eine der letzten unberührten Naturlandschaften im Norden Portugals bedeuten würde.

Es muss sich also etwas ändern - darauf verweist auch der Portugal-Pavillion auf der EXPO 2008 in seinem letzten Bereich, der “Mudança” (Veränderung) genannt ist. Hier sind die Besucher aufgefordert, ihre Worte, ihre Gedanken für eine bessere Nutzung des Wassers in eine Multimedia-Installation einzubringen.

Der Legende nach, so erzählt uns Wikipedia, hätten sich vor langer Zeit drei Flussgeister nach Spanien begeben, um dort ein Wettrennen an den Atlantik zu beginnen. Eine Nacht schliefen die Geister noch. Der erste, der erwachte, war der Guadiana - und nahm den schönsten und einfachsten Weg hinunter zur Algarve. Der Tejo folgte als nächster und entschied sich für die Route nach Lissabon. Für den Langschläfer Douro blieb nur noch die lange und zerklüftete Strecke durch den Norden Spaniens und Portugals übrig - aber alle drei fanden den Weg zum Atlantik.

Vielleicht macht es die Expo den Flussgeistern gleich - und versorgt die iberische Halbinsel mit einem Strom an Ideen für bessere Wassernutzung, der bald auch nach Portugal überschwappen könnte.

Die offizielle Homepage der EXPO Saragossa (Expo Zaragoza)

Die offizielle Homepage des Portugal-Pavillions auf der EXPO 2008

Donnerstag, 12. Juni 2008

Zeitlos schön: “Casa Lisboa” lüftet die Geheimnisse eines alten Palastes

Autor: Gilberto | 08. Juni 2008

Über Jahre hinweg hasteten Fußgänger an den verschlossenen Toren des vor sich hinschlummernden Stadtpalastes Ribeiro da Cunha in Lissabon vorbei - ohne zu ahnen, welch orientalischer Prunk sich hinter den Fassaden verbirgt. Und nun das: Plötzlich standen die Tore offen, eine mit Teelichtern dekorierte Treppe lockte ins Innere des Hauses. “Casa Lisboa” nennt sich das Designprojekt, das einmal im Jahr alten Häusern neues Leben einhaucht - und nun dem Palacete Ribeiro da Cunha zumindest für drei Wochen seine alte Würde zurückgab.

Draußen herrscht noch der Lärm der Rua da Escola Politeécnica, eine der vielbefahrenen Verkehrsarterien im Stadtteil Bairro Alto. Aber das ist Draußen. Hier drinnen ruht ein Palast. Nur noch gedämpft dringt das Brummen der Autos und Busse von der Straße hinein. Hinter den dicken Mauern des im neo-orientalischen Stil gehaltenen “Palacete Ribeiro da Cunha”, herrschen andere Regeln.

Noch zögerlich sind die ersten Schritte, die der neugierige Besucher in diesen Palast setzt. Denn es scheint, als ob jede Treppestufe ins Hochparterre des Hauses in eine fremde Welt hineinführt. Eine Welt mit eigener Zeit - und eigenen Abläufen. Obwohl das 1877 für den Tabakhändler José Ribeiro da Cunha errichtete Haus, opulent verziert mit orientalischen Ornamenten, seit Jahren leersteht, scheint der Palast Besucher zu erwarten. Im Speisesaal sind die Tische bereits gedeckt - Kerzen flackern, gedämpfte Musik spielt im Hintergrund. Ist es eine Geistermahlzeit, die hier angeboten wird?


Im Palacete Ribeiro da Cunha ist bereits gedeckt - (c) Gilberto

Noch geheimnisvoller wird es dann im Badezimmer. Auch hier ist Leben eingezogen - aber anders, als man es sich vorstellt. Die Badewanne ist gefüllt mit Erde. Aus dem Waschbecken dringen Zweige hervor. Scharfkantige schwarze Wände teilen das Zimmer auf, ein großer Spiegel wirft die Eindrücke zurück.

“Die Natur hat die Herrschaft über dieses Haus zurückerobert” - das sagt Francisco Plácido, einer von drei Architekten, die sich diese Kunstinstallation ausgedacht haben. Durch den jahrelangen Leerstand hätten die Räume des Stadtpalastes Ribeiro da Cunha eine zeitlose Bedeutung erhalten, herausgerissen aus dem Hier und Jetzt. Mit ihrem Werk wollten die drei Teammitglieder der “Equipa Casa Lisboa” (Franciso Plácido, Janine Ribeiro und Joana Marcelino) dem Haus eine zeitlose Bedeutung zurückgeben. Ein Raum, der mit seinen vielen Schwarztönen noch Platz für Interpretationen lässt.


Zweige im Waschbecken? Die Natur ist zurück im Palacete Ribeiro da Cunha - (c) Gilberto

Möglich wurde diese Kunstinstallation im Rahmen des Projekts “Casa Lisboa”, die dieses Jahr vom 20. Mai bis 01. Juni im Palacete Ribeiro da Cunha stattfand. “Casa Lisboa” ist eine Designausstellung, die - mittlerweile zum achten Mal - jedes Jahr sich von einem anderen Gebäude in Lissabon inspirieren lässt und dort Räume in eine Bühne für die Wohndesigner verwandelt. Primär ist “Casa Lisboa” vor allem eine Ideenschau für Konzepthotels. Die Ausstellungen stehen aber auch allen Besuchern offen, und verfolgen generell das Ziel, mit dem “Genius Loci” der alten Gebäude in Dialog zu treten.

Und während die Künstler auf ungewöhnlichem Wege die “Zeitlosigkeit” eines Hauses zu erforschen versuchten, so setzten die Designer alles daran, mit zeitlos schönem Design in das Palacete Ribeiro da Cunha einzuziehen. Jedes der beteiligten Designer-Team bekam einen Raum zugewiesen - und versuchte, die Atmosphäre richtig einzufangen. Ein Raum war komplett in Schwarz- und Weißtönen gehalten - ein Kontrast zum satten Grün, wie es aus dem Garten des Palacete hineinleuchtete. In anderen Räumen luden Möbel zum Verweilen ein, appetitlich gedeckte Tische, ganze Kücheneinrichtungen der Sponsorfirmen wurden aufgebaut.

Palast wird zum Hotel umgebaut

In so einem geschmackvoll eingerichteten Hotel ließe es sich schon gut aushalten - und vermutlich wird dies auch die weitere Bestimmung des Palacete Ribeiro da Cunha sein. Nach jahrelangem Rätselraten über das weitere Schicksal des Hauses konkretisiert sich die weitere Nutzung der zentral gelegenen Villa mit ihrem weitläufigen, 3.000 Quadratmeter großen Garten als Luxushotel.


Vom Leerstand zum Hotel: Der Palacete Ribeiro da Cunha in Lissabon- (c) Gilberto

Damit war die “Casa Lisboa” vermutlich auch die letzte Gelegenheit für eine breitere Öffentlichkeit, sich im Palast Ribeiro da Cunha umsehen zu können (eine Gelegenheit, die allerdings in viel zu geringer Zahl genutzt wurde!). Nächstes Jahr zieht “Casa Lisboa” weiter: An geeigneten Orten dürfte kein Mangel herrschen. Denn noch immer stehen Tausende historische Bauten in Lissabon leer, warten auf eine neue Aufgabe - darunter auch zahlreiche architektonische Schätze von Rang (siehe auch den Artikel über das Casa Daupias). Man darf gespannt sein, wohin es die Initiatoren dann ziehen wird.

Informationen zu Casa Lisboa unter www.casalisboa.net. Die nächste Casa Lisboa-Ausstellung wird im Frühjahr 2009 stattfinden. Bereits zum vierten Mal wird im kommenden November auch eine Schwesterveranstaltung in Porto folgen.