Freitag, 2. Mai 2008

Lissabon blickt nach Osten: Das neue Museu do Oriente bringt Asien nach Portugal

Autor: Gilberto

Im Hafen von Lissabon, am westlichen Rand der Stadt, weist ein neues Museum den Blick in Richtung Osten: Nach zwei Jahrzehnten Vorbereitungszeit eröffnet am 9. Mai das “Museu do Oriente“. Dort, wo einst Stockfisch gelagert wurde, warten künftig fast 15.000 Ausstellungsstücke aus verschiedenen Ländern Asiens, von der Türkei bis nach Japan, auf ihre Entdeckung.

Lange mussten die Lissaboner auf dieses Museum warten. Doch nun erhält Portugal mit dem “Museu do Oriente” endlich einen Ort, an dem die luso-asiatischen Beziehungen in ihrer ganzen Bandbreite gewürdigt werden. Ein Museum, dem es um den Dialog zwischen Ost und West geht. Und gerade in unseren Tagen, in denen die westlichen Länder der Welt mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen auf die boomenden Wirtschaften im Fernen Osten schauen, kommt das Gesprächsangebot des Museu do Oriente wie gerufen.

Faszination und Neugierde auf der einen Seite, Unbehagen und Misstrauen auf der anderen: Das waren auch stets die Pole, zwischen denen die Beziehungen zwischen Portugal und seinen asiatischen Handelspartnern oszillierten. Zwar traten die portugiesischen Seefahrer in Asien - anders als in Afrika und Südamerika - nicht als Eroberer ganzer Territorien auf, sondern beschränkten sich auf die Gründung einzelner Handelsstützpunkte etwa in Goa, Malakka oder Macau. Und doch trauten die Asiaten diesem Frieden nie so recht und befürchteten immer wieder die Überformung ihrer Kultur durch die neuen, fremden Nachbarn.

Und so ist eines der ersten Ausstellungsstücke, dem die Gäste des “Museu do Oriente” während ihres Besuches begegnen werden, fast programmatisch zu verstehen: Es ist eine der ersten Ausgaben von Luis de Camões Meisterwerk “Os Lusíadas“. Die Lusiaden bestehen aus verschiedenen Gesängen, die vorwiegend von den Heldentaten der glorreichen portugiesischen Seefahrer in Asien berichten - von der Größe der Kultur und Religion, die sie nach Asien brachten, aber auch von den Nöten des Seefahrertums. Camões war ein großer Patriot, der mit diesem Werk die portugiesische Kultur glorifizierte. Andererseits tat sich der Schriftsteller während seiner - zum Teil zwangsweise verlängerten Aufenthalte in Goa und Macau - auch als interessierter Beobachter und Dokumentar der fremden Kulturen hervor.

Beiden Perspektiven, die portugiesische und die asiatische, will das Museu do Oriente seine Aufmerksamkeit schenken. Und wagt vor allem im zweiten Teil der Dauerausstellung dann doch den Blickwechsel und widmet sich in der Sammlung “Kwok On” ausschließlich der asiatischen Kultur.

Die Sammlung “Kwok On” ist ohne Zweifel das größte Pfund, mit dem das neue Museum wuchern kann: Sie umfasst rund 13.000 Stücke aus allen Ländern von der Türkei bis Japan: Masken, Kunstwerke aus Elfenbein und Jade, Möbelstücke, Trachten, religiöse Gegenstände - es ist eine riesige Schatzkammer der asiatischen Kultur, die der französische Sinologe Jacques Pimpaneau hier zusammengetragen und der Fundação Oriente als Betreiberin des Museums übergeben hat. Öffentlich zugänglich sind 650 Stücke aus Pimpaneaus Sammlung, der Rest schlummert in den Magazinen.

Ein weiterer Pfeiler des neuen Orient-Museums ist die hauseigene Sammlung mit rund 1.400 Ausstellungsstücken, die den portugiesischen Einfluss in Asien dokumentieren. Über Jahre hinweg ist die Fundação Oriente weltweit bei Antiquaren und auf Auktionen auf Einkaufstour gegangen, um ihre Sammlung zu bestücken. Einzelteile aus anderen Museen und Sammlungen kommen ergänzend hinzu.

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Bald eröffnet: Das Museu do Oriente in Lissabon. Foto: Fundação Oriente

Das Museu do Oriente wartet von Beginn an mit einer außergewöhnlichen Fülle an Ausstellungsstücken auf. Und da wundert es nicht, dass es bis zur Eröffnung eine lange Zeit brauchte: Exakt 20 Jahre dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung.

Das Museum ist ein Projekt der Fundação Oriente, die im Jahr 1988 in Lissabon gegründet wurde - eine Stiftung, die lange Zeit finanziell bestens durch sprudelnde Einnahmen aus den Spielcasinos von Macau versorgt war. Diese Gelder werden zwar nun schon länger nicht mehr nach Lissabon überwiesen, aber für den Aufbau eines gut bestückten Kapitalstocks der Stiftung hat es wohl gereicht - denn die Fundação Oriente bezahlt sowohl die fast 30 Millionen Euro für den Bau des Museums und übernimmt auch den jährlichen Etat des Hauses von knapp vier Millionen Euro.

Schon im Jahr 1988, als die Fundação Oriente als kultureller Brückenbauer zwischen Orient und Okzident gegründet wurde, gab es die ersten Ideen für die Einrichtung eines Museums. Doch wo sollte es entstehen? Das in Lissabon immer wieder beliebte Immobilien-Roulette wurde angestoßen.

Was wurde da nicht schon alles vorgeschlagen: Der Pavilhão do Futuro auf dem Lissaboner Expo-Gelände, der nun aber das Lissaboner Spielcasino beherbergt. Ein Grundstück auf dem verkehrsumtosten Praça da Espanha, das die Oriente-Stiftung sogar bereits aufgekauft hatte. Das Cinema São Jorge an der Avenida da Liberdade, das von der Stadt Lissabon doch weiter als Kino betrieben wird. Zu guter Letzt fiel die Wahl dann aber auf das ehemalige Lagerhaus für Stockfische (Armazém de bacalhau) direkt am Tejoufer in den Docks de Alcântara.

Die Notlösung erweist sich im Nachhinein als gar nicht so schlechte Wahl. Das knapp hundert Meter lange Kühlhaus wurde in den dreißiger Jahren vom Architekten João Simões im typischen Stil des Estado Novo errichtet - und nahm im Herzen der Lissaboner lange einen festen Platz ein, sicherte es doch den Nachschub für das portugiesische Leibgericht “Bacalhau”. Und so ist es vielleicht gar nicht falsch, dass an diesem alten Ort des Handels und des Austauschs nun das Museu do Oriente eingerichtet wurde, für das das Lagerhaus allerdings zunächst aufwändig umgebaut werden musste.

Und nun, mit saftiger Verspätung bei der Fertigstellung der Bauarbeiten, dafür aber gut ausgestattet mit den Millionen der Fundação Oriente, ist vom Museu do Oriente in Zukunft einiges zu erwarten: Als Ausstellungshaus, aber auch als Zentrum der asiatischen Kultur in Lissabon allgemein.

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Das Tor nach Asien: Der Eingangsbereich des neuen Museu do Oriente.
Foto: (C) Creative Commons-Lizenz /
Miguel A. Lopes “Migufu” auf Flickr

Denn selbst mit der für sich allein schon beeindruckenden Sammlung möchte sich das Museum nicht zufrieden geben: Regelmäßige Weltmusik-Konzerte, Führungen, Kinovorstellungen und Wechselausstellungen sollen das Museu do Oriente immer wieder ins Gespräch bringen - und die Portugiesen und Besucher Lissabons für die asiatischen Kulturen begeistern. Damit erhält Lissabon direkt am Tejoufer, auf halbem Wege zwischen Belém und der Innenstadt, ein neues Kulturzentrum, das mit Sicherheit auch weltweit von sich reden machen wird. Denn begreift das Museu do Oriente sich tatsächlich eher als Ort des Dialogs denn als Schatztruhe alter Ausstellungsstücke, so könnten von diesem alten Lagerhaus mit seinen aufgebrochenen dicken Wänden interessante Impulse ausgehen.

Und so hat der ferne Orient in Lissabon einen neuen Ankerplatz gefunden - nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, von dem aus Vasco da Gama am 8. Juli 1497 aufbrach, um den Seeweg nach Indien zu finden - und damit die Grundlagen für Jahrhunderte währende Beziehungen Portugals mit Asien schuf. Der Osten, er beginnt hier ganz im Westen.

Das Museu do Oriente befindet sich im ehemaligen Lagerhaus für Stockfisch (Armazém de bacalhau) am Dock von Alcântara. Der Eintrittspreis wird 4 Euro für einen Erwachsenen betragen. Das Museum ist vom Praça do Comércio oder dem Bahnhof Cais do Sodré mit der Buslinie 12 erreichbar, außerdem mit der Vorort-Bahn nach Cascais (Station Alcântara Mar). Offizielle Homepage unter
http://www.foriente.pt/194/the-museum.htm

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