Montag, 21. April 2008

15 Jahre CCB: Ein Kulturzentrum wird zum Monument

Autor: Gilberto

Fast hätte es niemand mitbekommen: Im letzten Monat feierte das Centro Cultural im Lissaboner Stadtteil Belém (CCB) seinen 15. Geburtstag. Vielleicht ist die Heimlichtuerei bei den Geburtstagsfeiern Symptom einer Art Midlife-Crisis, die das Haus derzeit durchlebt. Schon seit der Eröffnung im Jahr 1993 war das CCB dem Wohlwollen der Politik ausgesetzt - und ächzt immer mehr unter anhaltenden Mittelkürzungen.

Direkt neben dem filigranen Mosteiro dos Jeronimos im Lissaboner Stadtteil Belém ragt eine kantige, mit hellem Kalkstein verkleidete Trutzburg empor: Groß, unmissverständlich und wuchtig beansprucht das Centro Cultural de Belém dort seinen Platz. Entlang einer 200 Meter langen Achse bietet das CCB Raum für ein Konferenzzentrum, Schauspielhäuser und einen Museumskomplex.

Und trotz seines massiven Auftretens, für den das CCB lange heftig kritisiert wurde, ist das Haus noch immer nicht fertig: Schon in den Ursprungsplanungen für das Zentrum haben die ausführenden Architekten Manuel Salgado und Vittorio Gregotti zwei zusätzliche “Module” für das CCB vorgesehen: Eine Bibliothek und eine Hotelkomplex. Zu diesen sagt die Website des Kulturzentrums, diese seien “currently under way” - eine vornehme Formulierung für einen Zustand, der auch “man weiß es nicht” lauten könnte.

Pünktlich zu seinem 15. Geburtstag scheint das Centro Cultural de Belém mitten in der Midlife-Crisis zu stecken. Wo soll es hin? Was soll es bieten? Einen Raum für die teils hochkreative, vibrierende urbane Sub-Kultur Lissabons war das CCB nie - diese Szene hat seit kurzem auch einen idealen Raum in der Fábrica Braço de Prata gefunden. Ein Ort der künstlerischen Debatte, ein Treffpunkt der Hochkultur war es aber auch noch nie so recht - zumal die Mittelkürzungen in den letzten Jahren zu empfindlichen Einschnitten in der Programmgestaltung von Konzerthalle führten.

Das Centro Cultural de Belém.
Trutzburg der Kultur oder Ort immerwährender Sinnsuche?

Foto: (C) Creative Commons-Lizenz / Portuguese Eyes auf Flickr

Vielleicht liegt die latente Unbestimmtheit auch daran, dass die Gründung des CCB nicht aufgrund kultureller Notwendigkeiten erfolgte - sondern aus politischem Willen heraus. Ende der 80er Jahre merkte die Regierung unter dem heutigen Präsidenten Aníbal Cavaco Silva, dass es Portugal an einem geeigneten Austragungsort für die vielen Versammlungen während der EU-Ratspräsidentschaft 1992 mangele. Der stets ehrgeizige Cavaco Silva wollte der Welt zudem beweisen, wie weit Portugal in seinem Aufholprozess zu den wohlhabenden Staaten der EU gekommen war - und so leitete er den Bau des CCB ein: Als architektonisch herausragender Treffpunkt für die europäische Politikelite auf historisch symbolischen Boden - von Belém aus brachen einst die portugiesischen Seefahrer zu ihren Entdeckungsreisen auf. Und da ein solcher Monumentalbau nicht einfach abgerissen werden kann, wurde er zur weiteren Nutzung als Kultur- und Kongresszentrum konzipiert.

So blieb das CCB immer ein wenig steril, immer ein wenig kalt, auch wenn es für Besucher mit seinen inliegenden Parks und Gärten ein faszinierender Ort ist (und die Bar im Kongresszentrum mit Balkon zum Tejo hinaus ist noch immer ein feiner Geheimtipp für Lissabon-Besucher!).

Die Fragen über den kulturellen Standort des Zentrums sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das CCB gerade auch unter ihrem heutigen Leiter António Mega Ferreira eine anerkennenswerte Arbeit für das Lissaboner Kulturleben leistet. Noch immer ist das Centro Cultural de Belém einer der meistbesuchten Orte für Konzertaufführungen speziell von klassischer Musik in der Stadt. Und das im vergangenen Jahr im CCB eröffnete Museum Berardo hat sich als wahrer Publikumsmagnet erwiesen: 250.000 Menschen zog es in den ersten sechs Monaten seit der Eröffnung der Colecção Berardo in diese Dauerausstellung von Meisterwerken moderner Kunst.

Andererseits ist gerade das Museu Berardo ein Symptom für die heutige Krise des CCB: Denn das Museum mit seiner Dauerausstellung belegt die Räume, die das einstige Centro das Exposições des Kulturzentrums beanspruchte. Hier fanden oft ambitionierte Wechselausstellungen statt, die etwa auch weltweite Debatten und neueste Trends aus Malerei, Fotografie und anderen Kunstrichtungen nach Lissabon brachten. Doch im Jahr 2006 sorgten die anhaltenden Mittelkürzungen vom Staat für ein Aus des Ausstellungszentrums - und eher lieblos wurde im CCB das Lissaboner Design-Museum untergebracht, das dann schon ein Jahr später von der Sammlung des Unternehmers Joe Berardo abgelöst wurde.

Bei allen immer wieder aufkommenden Zweifeln über seine Funktion erhält das CCB nun Rückendeckung von unerwarteter Seite - der Denkmalschutzbehörde IPPAR. Die will das Kulturzentrum in Kürze als “nationales Monument” klassifzieren - eine hohe Ehre, die nur den wenigsten modernen Bauten Portugals bislang zugekommen ist. Für eine derartige Klassifizierung sei es notwendig, dass die Menschen eine Einrichtung nutzen würden und dies täten, “weil sie den Ort mögen, und das, was er ihnen bietet” - so der IPPAR-Direktor Elísio de Summavielle in der Wochenzeitung Sexta. Geht es nach der IPPAR, hat das Publikum das Centro Cultural de Belém in ihr Herz geschlossen - nun müssen das Kulturzentrum und seine Geldgeber nur noch sehen, was sie mit diesem Zuspruch anfangen: Ob sie das CCB also in Ehren zum Monument erstarren lassen oder doch wieder mehr Gedankenanstöße in die Stadt geben wollen.

Mittwoch, 9. April 2008

Süße Medizin: Einst wurde Portwein sogar in Apotheken verkauft

Autor: Gilberto
Immer wieder heißt es, dass der - maßvolle - Genuss von Rotwein lebensverlängernd wirken kann: Das möchten wir als Weinfreunde nur zu gerne glauben. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durfte Wein seine segensreiche Wirkung sogar als Medikament entfalten: Spezielle Medizinal-Portweine dienten der Erholung und Stärkung geschwächter Menschen.

Als José Ramos-Horta bei einem Attentat im Februar diesen Jahres schwer verletzt wurde, reagierte Portugals Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva schnell: Er sandte seinem ost-timoresischen Amtskollegen zur Genesung eine gute Flasche Portwein - sowie frische Pastéis de Belém.

Folgt man portugiesischen Presseberichten, so hat sich Ramos Horta über diesen kulinarischen Gruß sehr gefreut - und Wein und süße Teilchen hätten den Gesundungsprozess des Patienten sehr befördert. Und das hat auch einen guten Grund, wie der Wein-Experte João Paulo Martins nun seinen Lesern im Público erklärte (leider nicht online). Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hätten Ärzte immer wieder auf die wirksame Verbindung aus Portwein und Proteinen gesetzt.

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Wenn Medizin doch immer so gut schmecken würde…

Viele Hersteller hätten sogar spezielle medizinische Portweine an Apotheken geliefert: Die Abfüllungen mit den sprechenden Namen Invalid Port (Kopke) oder Recuperator Port (Ferreira) seien speziell mit tierischen Proteinen angereicherte Portweine gewesen. Zur Herstellung dieser über Apotheken vertriebenen Sorten wurden Viehknochen in die Mostbottiche fertig hergestellten Portweins gelegt, um so eine proteinreiche Wein-Arznei herzustellen. Die Medizinal-Portweine kamen meist zur Stärkung und zur Rekonvaleszenz geschwächter Menschen zum Einsatz. Und auch heute noch bietet Sandeman vor allem in Skandinavien seinen “Old Invalid Porto” an, der aber - man möge mich berichtigen - eher ein normaler Portwein zu sein scheint.

Nicht nur angereichert, auch pur hat der Portwein in der Medizin in der Vergangenheit oft segensreiche Wirkung gezeigt. Glaubt man etwa der Enzyklopädie der Volksmedizin von 1843, dann wurde normaler Portwein etwa in Glasgow sogar gegen Typhus eingesetzt:

“Jeder Typhuskranke hat im dortigen Hospitale seine Flasche starken Portwein neben sich stehen”

lautet es dort. Und auch, wenn die Quellenlage zumindest im Internet über das Phänomen des medizinischen Weins relativ dünn ist, so deutet doch manches auf eine weite Verbreitung des Portweins als Arzneimittel in ganz Europa hin. In Oldenburg importierte etwa der Weinhandel Wille Portwein als “Levante Doktor“.

Die medizinischen Wirkungen des Portweins sind heute ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht. Es kann nie an guten Gründen mangeln, immer mal wieder zu einem Gläschen zu greifen - und sei es aus medizinischen Gründen!

Foto ist lizensiert unter (C) creative commons / Muffet auf Flickr